Troll von Michal Hvorecky – Eine Cyberhöhle mit zweischneidigem Damoklesschwert   

Wer kennt es nicht? Ob krank oder verkatert:  Plötzlich befindet man sich in der Komfortzonenhöhle seines eigenen Bettes und versucht diese ungeplanten und unfreiwillig gedehnten Zeitfenster sinnvoll oder sinnbefreit zu gestalten. Erst die Suchleiste, dann das endless scrolling – niemand wandert dabei liegend ins Leere. Nach diversen News mit und ohne Kommentarfunktionen bedarf es aber spätestens der Unterhaltung. Der etwas älteren Bevölkerung ist vielleicht das Scrolling auf Facebook wohlvertraut, wo man irgendwann zwischen Neuigkeiten von Freunden, Verwandten und gelikten Seiten auf beunruhigende und mitunter verstörende Nachrichten aus aller Welt stößt. Manch einem spielt dann der Algorithmus zur erholsamen Stimulierung der „Sehnsuchtsdrüse“ und des „Früher-war-alles-besser-Nervs“ Rückblicksangebote in vergangene Jahrzehnte ein; gern mit melancholisch untermalter Musik. Die jüngere Bevölkerung wird vermutlich in ihren Höhlen ein daumen- und ereignisbasiertes Jump & Run Abenteuer zwischen öffentlichen und privaten News betreiben. Schließlich weiß man ja nie, welche ungeahnten Möglichkeiten sich bieten – denn verpassen will man ja schließlich auch nichts. Und eher als gedacht ist man – ob nun jünger oder älter – wieder fit und begegnet auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni oder zur Schule sowie in der Gestaltung seines Alltags den bekannten und fremden Gesichtern, denen es im gegenwärtigen Zeitgeist zur Gewohnheit geworden ist, ihre Aufmerksamkeit dem Bildschirm zu widmen.    

Trolling – das zusammengenähte Tischtuch mit unsichtbaren Nahtstellen

Im Roman „Troll“ begegnet man einer erzählten Welt, die – nach dem Zerfall der europäischen Gemeinschaft – in einem Osteuropa in naher Zukunft stattfindet. Der dortige kulturelle und politische Zeitgeist ist ein Resultat aus den Irrungen und Wirrungen, die sich zwischen den digitalen Gästen am Nachrichtentisch ergaben, dessen Tischtuch von Trollen aus Wahrheit und Lüge gekonnt vernäht wurde und weiterhin beherzt verwoben wird.

»Kommentare müssen authentisch und vertrauenswürdig wirken«, erklärte Askold. »Jedes Profil schafft die Illusion einer tatsächlichen Person. Keine infantile Schlamm-schlacht unter jedem Artikel über das Reich im Guardian! Wir klauen keine Fotos aus amerikanischen Uni-Jahrbüchern oder von polnischen Datingseiten. Wir publizieren nichts ohne Profilbild. Ehe eine neue Figur die erste Nachricht posten darf, hat sie eine sechs Monate zurückreichende History, überprüfbare Follower, funktionierende familiäre Bindungen und ausreichend vertrauenswürdige Statusmeldungen«.

– Troll. 3. Auflage 2018, S.113.

Etwas Trolliges fürs algorithmusfreundiche Doomscrolling

Dargeboten wird einem die Handlung vom namenlosen Ich-Erzähler, der sich nach vielen Krankheitsphasen in einem Krankenhaus mit Johanna anfreundet. Zusammen machen sie es sich mit Entschlossenheit und geschärftem Blick zur Aufgabe, das Tischtuch wieder zu trennen, was sich aber zu einem unmöglichen Unterfangen entwickelt.

„Johanna und ich fingen an, die Falschmeldungen unter die Lupe zu nehmen (…) Wir stellten fest, dass zahlreiche Videos über den Hybridkrieg aus anderen, weiter zurückliegenden Konflikten stammten, viele sogar aus Spielfilmen. (…) Die Fake-Medien beriefen sich allerdings plötzlich auf unsere Berichte, sie taten so, als würden wir das genaue Gegenteil beweisen, also die hundertprozentige Wahrhaftigkeit ihrer Hirngespinste bestätigen. Wir waren sprachlos. “

– Troll. 3. Auflage 2018, S.78-29

Der erwähnte Hybridkrieg geht dem aktuellen Informationskrieg in der erzählten Welt voraus. Beide Szenarien werden vom namenlosen Erzähler hineichend beleuchtet. Um allerdings den vielseitigen Tischtüchern dieser Tage möglichst trennscharf zu begegnen, müssen die beiden Protagonisten selbst als Trolle agieren. Nach und nach nimmt der Erzähler die Leserschaft mit auf seinen und Johannas Weg in die Gestaltungspraktiken der Trollzentrale, mit welchen die Weiten und Tiefen der Cyberhöhlen der Bevölkerung mit digitalen Stalagmiten und Stalaktiten gesäumt werden. Die weitere erzählerische Dynamik ergibt sich bereits aus dem Buchrücken wie folgt: Dabei geraten sie selbst in die Unkontrollierbarkeit der Netzwelt – und an die Grenzen ihres gegenseitigen Vertrauens.

Die Zweischneidigkeit unserer Zeit: Wahrheitsgenerierung versus -verzerrung

Mag man es auf der einen Seite feiern, dass man sich nun selbstständig derart viel Wissen aneignen kann und man mit dem Internet nun nicht mehr der „Zensur“ irgendwelcher TV- oder Zeitungsredaktionen unterworfen ist. Auf der anderen Seite hat die Netzwelt das Licht-Schatten-Verhältnis nicht nur mit transparenter Wahrhaftigkeit erhellt. Der technologische Fortschritt hat längst seinen Weg aus der Werbepsychologie genommen und die bekannten konstanten psychologischen Muster mit der politischen Dimension vernäht. Am Ende sind wir die Produkte, die durch ihr auslesbares Surfverhalten Präferenzen und somit Wahrheiten im Stillen verbreiten, die nicht nur im Sinne unseres Konsumentenverhaltens analysiert werden, sondern auch unsere Gunst als Wählerinnen und Wähler in den Blick nehmen. Was der französische Philosoph Michel de Montaigne einst beim widerspruchsvollen Menschen als buntscheckige Fetzen meinte, ist gegenwärtig eine Art anthropologisches Paradox. Einerseits ist der Mensch ein Gewohnheitstier, das keine Änderungen mag; gleichzeitig sucht der Mensch nach Ablenkung und Neuigkeiten, solange seine eigene Komfortzone davon nicht zu doll in Mitleidenschaft gezogen wird. Orientierungssuche im Allgemeinen ist vermutlich genauso anstrengend wie sich einer beschleunigten Veränderungsrate immer wieder anzupassen. Beides kann Filterblasen befeuern, in denen sich Unsicherheiten und Unmut konservieren und trollig dynamisiert werden. Diesen Nerv trifft „Troll“ auf vielfache Art und Weise. Bspw. so:       

„Der Informationskrieg hat sie aus ihrer Computereinsamkeit herausgerissen. Sie suchen im Netz nicht nach der Wahrheit, sondern nach ihrer eigenen Weltanschauung. Jeder weitere Like festigt ihre Voreingenommenheit mir gegenüber, treibt sie zuhauf in Gruppen Gleichgesinnter hinein und versorgt sie mit dem Geschwätz, das sie sich gewünscht haben. Sie wollen unbedingt ihre Überzeugung bestätigt sehen (…) Wir begriffen langsam, warum das Trolling nicht aufgehalten werden konnte, weder von den einflussreichen Politikern noch von den größten IT-Koryphäen oder den Betreibern der sozialen Netzwerke. Weil das nicht nur der Missbrauch von Technik war. Sondern eine Idee.“   

Troll. 3. Auflage 2018, S 16-17 und 143.

Lesenswert?

In manch einer Rezension werden die Figuren als zu schablonenhaft beschrieben. Man kann diese Kritik nachvollziehen, was aber im Endeffekt bei „Troll“ zu verschmerzen ist. Denn das Tempo der Erzählung ist nicht gerade langsam, was man symbolisch als Symptom unseres rastlosen Zeitgeistes begreifen darf. Somit steht eher die Handlung als die Ausgestaltung der Protagonisten im Vordergrund. Einen Kritikpunkt gibt es im Hinblick des Unterschieds zwischen dem Cover der deutschen Übersetzung und dem slowakischen Original, da beide Coverversionen jeweils eigene Paratexte ergeben. Als Leserschaft sollte man vor der Lektüre darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass der Roman aus insgesamt zwei Teilen besteht und der erste, etwas kürzerer Teil, durch das nicht lineare Erzählen zu Beginn etwas verwirrend sein kann, sich aber später legt.

Was bemerkenswert ist: Der Bewusstseinsstrom oder auch stream of consciousness ist eigentlich eine Erzähltechnik. Beim Lesen des Romans trifft dieser Begriff allerdings namentlich den Effekt ganz gut, welche politischen Aspekte unserer aktuellen Gegenwart während des Lesens im Bewusstsein aufkommen; und das, obwohl der Roman bereits vor sieben Jahren in der deutschen Übersetzung veröffentlicht wurde, was folglich für die Lektüre von „Troll“ spricht. Bedenkt man während und nach der Lektüre die Idee der Aufklärung, auf welcher das westeuropäische Selbstverständnis sowie der entsprechende Wertekanon fußt, dann erhält unsere derzeitige Cyberhöhle anhand des Romans „Troll“ einen ungut klingenden Widerhall, wenn man den technologischen Fortschritt der letzten sieben Jahre mit- und weiterdenkt.  

In diesem Sinne:  Steter Tropfen „höhlt“ den Stein.

Eine andere Rezension mit einem Interview (Frankfurter Buchmesse 2018) mit Michal Hvorecky:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/michal-hvorecky-troll-ein-digitaler-fiebertraum-100.html

Link vom Verlag (mit Möglichkeit zum Blättern):   

https://www.klett-cotta.de/produkt/michal-hvorecky-troll-9783608504118-t-2888#buch


Troll
von Michal Hvorecky
216 Seiten
Gebundene Ausgabe 18,00 €
E-Book 9,99 €

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