Im Falle einer körperlichen Verletzung ist es der Schweregrad, an welchem wir in der Regel die Entscheidung treffen, diese selbst zu versorgen oder einen Arzt aufzusuchen. Zwischen den Extremwerten Schürfwunde und offener Schienbeinfraktur befindet sich ein Entscheidungsspektrum, in welchem wir im Allgemeinen recht gut unterscheiden können, ob wir die Wunde selbst versorgen können und ab wann wir fachkundige Hilfe benötigen. Doch wie sieht es im Falle von nichtkörperlichen Verletzungen aus?
Von der Pflastermetapher zum Schalenvergleich
Dem einen oder anderen ist vermutlich noch das besungene Seelenpflaster ein Begriff, das dem Musikduo Ich + Ich im Jahr 2009 entsprang. Die Metapher bringt das Problem auf den Punkt: Wie versorgt man etwas, das man weder sehen noch anfassen kann? Wir können Symptome und Auswirkungen bspw. anhand von Gestik, Mimik, Tonlage, Sprechpausen, Über- und Schwermut sowie Wesensänderungen im Allgemeinen bei anderen erkennen – und das auch nicht immer und auch nicht jeder. Und bei uns selbst? Wo körperlich ein Blutfleck ein sichtbares Signal ist, ist es mental nicht immer sofort einsehbar und manchmal sogar ein blinder Fleck. Und was ist „noch“ emotionale Schürfwunde? Welche Verletzungen kann man „noch“ selbst versorgen und was ist „schon“ eine Seelenfraktur? Kurzum: Unsere Hausapotheke besitzt weder Seelenpflaster noch Gefühlsdruckverband.
Der Spanier Tomás Navarro ist nicht nur Psychologe, sondern auch Gründer von einer Beratungsfirma wie auch eines Zentrums für emotionales Wohlbefinden. Durch ihn erhält die Seele bzw. Psyche ein anderes Stilmittel, nämlich das des Vergleiches mit einem nicht bruchfesten Behältnis.
„Kintsugi ist eine traditionelle japanische Kunst der Keramikreparatur. Die Kintsugi-Meister kitten zerbrochene Teile so, dass die Bruchstellen, mit Gold hervorgehoben, sichtbar bleiben. In ihren Augen symbolisiert reparierte Keramik Zerbrechlichkeit, Stärke und Schönheit..“ – Kintsugi. Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen. 2019, S.13.
Kintsugi – ein ungewöhnlicher oder gar kontraintuitiver Vergleich?
Zunächst erscheint es ein recht banaler Vergleich zu sein. Etwas geht zu Bruch und man bringt es zu jemandem, der das Reparieren kann, weil er dazu fähig ist. Das Ungewöhnliche liegt darin, dass wir es für gewöhnlich gerne haben, wenn Gegenstände hinterher wieder genauso aussehen wie vor ihrem Schaden. Anders formuliert: Man soll der Schüssel möglichst nicht ansehen, dass sie einen Sprung hatte – das gilt dem Anschein nach sowohl im beruflichen wie im privaten Bereich. Von daher ist der Vergleich nichts Besonderes – eigentlich. Ungewöhnlich oder gar kontraintuitiv ist also die bewusste Hervorhebung des durch Goldstaub und Klebstoff veredelten Narbenschmucks und die kulturelle Umwertung von Schwäche zu Stärke, welcher auch noch aufgrund der Veredelung eine gewisse Ästhetik entgegengebracht wird. Was hierbei zusätzlich bemerkenswert ist, ist der Umstand, dass wir nicht mit jedem noch so kleinen abgeplatzten Schüsselsplitter einen Klebemeister aufsuchen müssen, sondern wir eine innere Hausapotheke besitzen, in welcher sich ein Reparaturimpuls befindet.
„Auch auf mentaler Ebene existiert ein solcher Impuls, um emotionale Verletzungen zu heilen. Damit ist bereits die Frage beantwortet, mit der sich dieses Kapitel befasst: Kann man das Leben wieder aufbauen? Ja, ohne Zweifel. Und wir verfügen über alles Nötige, damit dies gelingt.“ – Kintsugi. Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen. 2019, S.89.
Emotionale Wundversorgung – ein (v)erlernter DIY-Modus?
Seit einiger Zeit liest man häufiger, dass es einen Mangel an Therapeuten und an Therapieplätzen in Deutschland gäbe. Ähnliche Anstiege lassen sich auch bei der psychologischen Beratung der Studentenwerke finden, während jeder fünfte junge schulpflichtige Mensch im Schulbarometer 2024 angibt, psychisch belastet zu sein. Wirtschaftlich formuliert ließe sich fragen, welche Gründe oder Faktoren es gibt, weshalb mittlerweile die Nachfrage das therapeutische Angebot übersteigt. Kulturphilosophisch formuliert ließe sich fragen, ob nicht vielleicht in der oben erwähnten Sprung-in-der-Schüssel-Vermeidung einer der Gründe stecken könnte. Kleine Partikel können im Laufe der Nutzung absplittern, es kann einen Knacks oder mehrere Knackse geben sowie einen Sprung oder mehrere Sprünge oder die Schale kann zu Bruch gehen. Dem Anschein nach sind wir aber im emotionalen oder seelischen Zusammenhang nicht gut darin, einen ähnlichen Schweregrad der Verletzung auszumachen wie im körperlichen. Wer bereits mehrere schlimmere körperliche Verletzungen hatte, der stuft einen gebrochenen kleinen Zeh ganz anders ein als jemand, der sich in seinem ganzen Leben noch nie derart verletzt hat und dann eines stressigen Morgens im Türrahmen hängen bleibt. Jedoch soll die Schüssel nicht nur einfach nicht kaputt gehen. Im gegenwärtigen Zeitgeist hat Makellosigkeit Hochkonjunktur. Kurzum: Die Schüssel sollte besser weder Fehler noch einen Fleck haben. Und dann ist da nicht nur die eigene Schüssel im Schrank des Lebens, sondern ein ganzes Tafel- bzw. Porzellanservice an Verbindungen mit anderen. Früher oder später haben auch diese Kratzer, Knackse oder Sprünge und wir haben irgendwann nicht mehr alle Tassen im Schrank. So wie eine von Navarro erwähnte Freundin im Buch, die eine ihrer wichtigsten Tassen entbehren muss:
„Kürzlich saß ich mit einer Freundin zusammen, deren Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Sie war völlig niedergeschmettert, buchstäblich zerstört. […] In den neunundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte sie niemals irgendein Unglück bewältigen müssen. Ihre Mutter und ihr Vater hatten stets versucht, ihr alle Steine aus dem Weg zu räumen, ihr eine strahlende Sonne ins Leben zu malen, jede nahende Unwetterwolke fortzuschieben und ihr ein ruhiges, bequemes, behütetes Leben zu bereiten. Die Eltern hatten in ihrer großen Liebe geglaubt, das Beste für ihre Tochter zu tun, und sich dabei nicht klargemacht, dass sie ihr im Grunde schadeten: denn da sie ihr keine Gelegenheit gaben, zu lernen, mit Widrigkeiten oder Unglück umzugehen, konnte sie nicht die notwendigen Fähigkeiten zu deren Überwindung erlangen. “ – Kintsugi. Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen. 2019, S. 25.
Vielleicht hat die gesellschaftliche Orientierung in Richtung Makellosigkeit das aristotelische gesunde Maß längst überschritten, sodass wir die Menge des Wohlwollens einerseits und die Fehler- und Makelvermeidung andererseits zu hoch dosieren. Andererseits sind manche Schüsseln aber auch deswegen fragil, weil sie unterdosiert geprägt wurden. Situationen und Ereignisse erscheinen uns in Relation zu unseren Fähigkeiten und zu unserem Selbstbild als unmöglich, schwer oder leicht. Unmögliches ist vielleicht „nur“ schwer, aber machbar und Schweres ist vielleicht leichter als gedacht und Leichtes vielleicht sogar bloß nichtig.
„Der Glaube an uns selbst basiert auf unserem Reaktionsvermögen, das zweifellos wesentlich vielseitiger und größer ist, als wir annehmen. Sie haben viel mehr Ressourcen, als Ihnen bewusst ist. Viele ihrer Fähigkeiten werden im Übrigen erst dann aktiviert, wenn Sie sie brauchen. Deshalb sind im Grunde nicht Ihre bisherigen Erfolge wichtig, sondern Ihr Potenzial […].“ – Kintsugi. Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen. 2019, S. 238.
Das Spektrum ist vielschichtig und weitreichend; ebenso die kleineren und größeren Themen im Buch.
Der Kintsugi´sche Reparaturkasten
Das oben erwähnte Kapitel zum Reparaturimpuls befindet sich im zweiten von insgesamt drei Teilen. Jeder Teil hat seine 6 bis 7 Themen bzw. Kapitel. Möchte man den unbenannten drei Teilen eine Struktur verleihen, könnte man sich diese folgendermaßen vorstellen: Teil 1 – Die Schale erhält einen Knacks oder geht zu Bruch. Teil 2 – Aufsammeln und kleben (Das Warum). Teil 3 – Wiederherstellung (Das Wie). Über alle drei Teilbereiche hinweg erhält man eine Vielzahl psychologischer Einblicke im Hinblick auf die eigenen blinden Flecken, der Selbst(er)kenntnis sowie dem Reparaturimpuls. Die Mannigfaltigkeit muss auch Tomás Navarro bewusst gewesen sein, da er immer wieder sogenannte Vergessen-Sie-nicht-Zusammenfassungen anhand von Bullet Points einstreut. Darüber hinaus ist ebenfalls das Themenfeld weit abgesteckt; seien es über- oder unterdosierte Familiendynamiken, kleinere und größere Lebenskrisen wie bspw. Jobverluste, Trennungen, emotionale Verwahrlosung, Misshandlungen, Tod, bis hin zum verbauten Zugang zur eigenen emotionalen Stärke.
„Es ist an der Zeit, ans Werk zu gehen, an das wichtigste Bauwerk, das Sie in Ihrem Leben errichten werden, Ihr wichtigstes Haus: die Heimstatt Ihrer Seele.“ – Kintsugi. Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen. 2019, S. 242.
Lesenswert?
Das Buch ist ein erbauliches Sachbuch. Die Übersetzung aus dem spanischen Original ist gut gelungen, da der Inhalt sprachlich leicht, anschaulich, verständlich und vor allem von Tomás Navarro empathisch formuliert ist. Man wird anhand der Lektüre nicht gleich zu einem unabhängigen Seelenarzt, aber die eigene Hausapotheke kann mit einigen schmerzstillenden, heilsamen und auch prophylaktischen Präparaten reichhaltiger befüllt werden als gedacht, was nicht zuletzt eine wohldosierte Form der inneren Ruhe sein kann. Mögen wir auch – mit Sigmund Freud gesprochen – nicht Herr in unserem eigenen Haus sein, so können wir aber kintsugihaft stabilisierend selbstwirksam werden. Statische Eingriffe wären dann auch kosmetische. Philosophisch betrachtet ist ein Leben – sokratisch gesehen – undurchdacht nicht lebenswert. Man könnte dies mit Navarro erweitern: Ein völlig schmerzbefreites und makelloses Leben ist nicht lebenswert. Und während uns bereits seit der römischen Antike der Philosoph Seneca zuruft, dass wir zum Gesundsein geboren sind, möchte der Autor dieses Artikels mit einem Auszug aus dem Gedicht „An die Freunde in schwerer Zeit“ von Hermann Hesse aus dem Jahre 1915 diesen nun beenden:
„[…]
Seele geht verschlungene Pfade.
Lernet ihre Sprache lesen!
Morgen preist sie schon als Gnade,
Was ihr heute Qual gewesen.“
In diesem Sinne: Gute Besserung!
Link vom Verlag (mit Möglichkeit zum Blättern):
https://www.penguin.de/buecher/tom%C3%A1s-navarro-kintsugi/buch/9783466347315

Kintsugi
Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen
von Tomás Navarro
Aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
368 Seiten
Gebundene Ausgabe 20,00 €
eBook 16,99 €

